Geschichte & Geschichten

Hettstedter Annalen über die Franzosenzeit

Die Nachrichten der Hettstedter Annalen

über die Franzosenzeit (1806-1814)

Von Wilhelm Brockpähler

Die Niederlage.

In der Zeit des unglücklichen Krieges gegen Napoleon gehörte Hettstedt mit dem nördlichen und westlichen Teile der Grafschaft Mansfeld und dem Eisleber Gebiet zum Kurfürstentum Sachsen; aber schon bei Burgörner begann das preußische Mansfeld, zu dem auch u.a. die Orte Mansfeld, Gerbstedt, Friedeburg zählten. Die Söhne des Mansfelder Landes kämpften in der preußischen und sächsischen Armee gegen Napoleon. Mitte September des Jahres 1806 begannen die Durchzüge der Preußen in der Richtung nach Thüringen. Nur kurz erwähnen die Annalen, dass Hettstedt dabei durch Einquartierung, Verpflegungsabgaben und anderen Kriegsbeschwerden viel zu leiden hatte. Anfang Oktober hörten die Durchmärsche auf, und nun wartete man sehnlichst auf Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Am 14. Oktober ritten abends ein paar preußische Reiter schweiß- und staubbedeckt von Molmeck her in Hettstedt ein. Ein paar Worte riefen sie müde vom Pferd herunter den neugierig fragenden Bewohnern zu und bald wusste es die ganze Stadt: Die Vorhut der Preußen war bei Saalfeld geschlagen worden, der heldenmütige Prinz Louis Ferdinand war gefallen. Die Flüchtlinge verlangten ein Lager für die Nacht und ritten am nächsten Morgen in der Richtung nach Magdeburg weiter.

Während die Hettstedter, erregt und beklommen von der Unglücksbotschaft der versprengten Reiter, die Möglichkeiten der kommenden Tage besprachen, hatte sich das Schicksal Preußens schon vollendet: Bei Jena und Auerstedt war am selben Tage, dem 14. Oktober, die preußisch-sächsische Armee von Napoleon vernichtend geschlagen worden.

„Jena und Auerstedt“ Aus „SCHLACHTEN, NATIONAL GEOGRAPHIChIC“

Bis zum 20. Oktober zogen nun beständig aufgelöste kleine und größere Abteilungen fliehender Preußen und Sachsen durch die Stadt nach Norden. die meisten von ihnen mussten verpflegt und für die Nacht untergebracht werden.

Am 20. Oktober erschienen die ersten Franzosen: 50 Husaren, die mit ein paar hundert sächsischen Gefangenen in Hettstedt Nachtquartiere bezogen. schon begannen auch die ersten Bedrückungen. einige der fremden Gäste erpressten von ihren Quartierwirten kleinere Geldsummen, andere nahmen sich mit Gewalt Lebensmittel und Wertsachen.

Einquartierung

Noch am späten Abend sah man die Ratsherren aufgeregt zum Ratshaus eilen: Dem Führer der Wachmannschaften mussten auf der Stelle 250 Reichstaler als Brandschatzung ausgezahlt werden. Am nächsten Morgen rückten die Franzosen mit ihren Gefangenen ab nach Aschersleben. Die Bürger machten sich angstvoll auf weitere Durchzüge gefasst denn es hieß, die Franzosen zögen nun gegen Magdeburg. Aber Napoleon hatte Befehl gegeben, die sächsischen Landesteile zu schonen, „da Sachsen nur von Preußen gezwungen am Kriege teilgenommen hat,“ wie der Chronist schreibt. So blieb den Hettstedtern vorerst schlimmeres erspart, während die benachbarten Orte des preußischen Teiles von Mansfeld viel zu leiden hatten. Am 12. November kapitulierte Magdeburg. Ohne den Versuch einer ernsthaften Verteidigung übergab der Gouverneur General v. Kleist, ein ehemaliger Feldoffizier, die Festung einer französischen Vorhut.

Schon vorher, 3 Tage nach Jena, war die preußische Reservearmee bei Halle geschlagen worden und die Stadt in französische Gewalt genommen. Damit hatte Napoleon das Gebiet links der Elbe in seiner Hand. Er schrieb die erste große Kriegssteuer aus, zu der Hettstedt 4000 Reichstaler beitragen musste. Die Summe wurde auf die Grundstücke umgelegt, von jedem einzelnen Acker mussten 6 Groschen bezahlt werden.

Zu Anfang des Jahres 1807 schloss Sachsen mit Napoleon einen Sonderfrieden, der einem Bündnis gleichkam. Der Kurfürst wurde zum Könige erhoben und später zum Großherzog von Warschau ernannt, musste aber einige Millionen Kriegsentschädigung zahlen und an Napoleon zuerst 8000 Mann, kurz danach noch einmal 7000 Mann Hilfstruppen stellen. Im Mai des Jahres 1807 brachen die sächsischen Regimenter auf, um von nun an unter Napoleons Fahnen zu kämpfen. Am 8. Februar wurde in der St.-Jakobi-Kirche das angeordnete Friedensfest gefeiert.

Neue Herren

Nachdem auch der zweite Teil des Krieges für Preußen unglücklich verlaufen war, schloss der König von Preußen im Juli 1807 mit Napoleon den Frieden zu Tilsit, durch den das ganze Gebiet links der Elbe von Preußen abgetrennt und zum größten Teil zum Königreich Westfalen zusammengefasst wurde. Napoleon gab den neuen Staat seinem Bruder Jerome, der in Kassel residierte. Am 1. Januar 1808 mussten die Stände der verschiedenen Landesteile dem Könige in Kassel huldigen. Die Grafschaft Mansfeld brandenburgischen Anteiles entsandte dazu Wilhelm von Kerssenbrock zu Helmsdorf. Am 12. März 1808 trat der König von Sachsen auch seinen Anteil an Mansfeld mit Ausnahme der Ämter Bornstedt, Artern und Volkstedt an Jerome ab, wurde aber von Napoleon durch Cottbus und ehem. preußische Gebiete in Polen reich entschädigt. Die feierliche Übergabe der Grafschaft an Jerome, zu der Abgesandte aus allen Orten erscheinen mußten, erfolgte zu Eisleben. Im April 1808 löste die Kasseler Regierung den Hettstedter Stadtrat auf und führte die französische Gemeindeverfassung ein. Als Beamte wurden ein Maire (Bürgermeister) ein Friedensrichter und ein Notarius mit ihren Adjunkten, (Amtsgehilfen) angestellt. Ersterer hatte die Polizei, der Richter die Klagesachen und der Notarius Käufe und Verträge zu besorgen. Der erste Maire war der Amtmann Kersten; ihm folgten nach seinem Tode 1811 Honigmann aus Mansfeld. Der erste Friedensrichter war der Hettstedter Syndikus Schmidt und der erste Notarius der Justitiarius Eger. Kersten und Honigmann waren Kanton-Maires, ihnen unterstanden Municipal- (Orts-oder Gemeinde) Maires.

Die Stadt bildete mit den Nachbarorten Ober-Wiederstedt, Walbeck, Ritterode und Meisberg den Kanton Hettstedt. 20 solcher Kantone ergaben den Distrikt Halle, der wieder mit den Distrikten Halberstadt und Blankenburg zu einer größeren Verwaltungseinheit, dem Saaledepartement, zusammengefasst wurde. Das ganze Königreich bestand aus 8 Departements. Über die Steuern, Requisitionen und Zwangsanleihen in der nun folgenden Zeit, über die Ausgabe minderwertigen Papiergeldes, die Zwangsaushebungen und das berüchtigte Spitzeltum der Franzosen berichtet der Schreiber der Annalen nicht, nur kurz notiert er die Einquartierungen. Im Dezember 1808 besetzte das Corps des Marschalls Davoust unsere ganze Gegend. In Hettstedt und auf dem Kupferberge nahmen mehrere Kompagnien Infanterie Quartier, von denen zwei bis zum 28. Februar 1809 blieben. Den Sommer 1810 über, lag in der Stadt eine Kompagnie französischer Grenadiere. ***

Der „Cote Garre“ oder Corps de garde francois sur un Port

ein “ Französisches Wachhaus auf einer Brücke“ (*)

Ein Huldigungsfest

Beschämend schnell fand sich die große Masse der Untertanen des Königreiches Westfalen mit der Neuordnung der Dinge ab, nicht nur Franzosenfreunde und Speichellecker die schnell ihre Gesinnung wechselten, auch ehrenwerte Bürger, die unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit Napoleons und seiner innerpolitischen Reformen standen. Und so bemühte man sich denn überall, seine „gut westfälische“ Einstellung zu zeigen. Die erste Gelegenheit dazu waren die von oben her befohlenen Huldigungsfeierlichkeiten, die in Hettstedt am 21.August 1808 stattfanden. Die größeren Städte ließen schwülstige Berichte über Feiern abfassen und im Regierungsblatt, dem „Moniteur Westfalen“ in Kassel abdrucken, um „allerhöchsten Orts“ ihre besondere Ergebenheit zu zeigen. Und so setzte sich denn auch der Hettstedter Chronist ein paar Tage nach der Feier an den Schreibtisch und schrieb – ob für die Nachwelt oder für die Öffentlichkeit, wer weiß es – in dem dicken Band der Annalen wie folgt:“ Am 21.August 1808 den 10.Sonntag nach Trinit. wurde in Hettstedt dem Könige Hieronymus Napoleon von Westfalen gehuldigt. Die Feierlichkeiten dabei waren folgende:

1. Früh 4 Uhr blies der Stadtmusikus vom Turme das Lied „ Nun danket alle Gott“

2. Um 5 Uhr wurden die Kanonen gelöset und mit allen Glocken geläutet, so auch um 8 Uhr.

3. ½ 9 Uhr wurden 3 Pulse nacheinander geläutet und geschossen.

4. Die hiesigen Kaufleute bildeten eine Ehrengarde, die Schützen-Compagnie und die Berg- und Hüttenleute paradierten in Zweierreihen bis an die Kirchentür.

5. Daraufhin führten die Kaufleute, die Ehren-Garde, den Herrn Maire Kersten unter Glockengeläut und Kanonendonner, mit gezogenen Säbeln aus seinem Hause durch die Reihen der Schützen und Bergleute bis zur Kirche, wo eine Huldigungspredigt gehalten wurde.

6. Die Kaufleute, Schützen-, Berg- und Hüttenleute stellten sich auf dem Altarplatze in Kreisen bis zur Kanzel.

7. Nach geendigtem Gottesdienste wurde der Herr Maire Kersten unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner in Prozession aus der Kirche bis ans Rathaus geführt, wo der selbe nach einer von einem Balkon gehaltener Rede die Reichs-Constitution durch den Secretaire ablesen und die Bürger den Huldigungseid schwören ließ, welcher folgender war:

„Ich schwöre Gehorsam dem Könige von Westfalen und Treu der Constitution, so wahr mir Gott helfe und Christi willen.“ Hierauf wurde wieder geläutet und die Kanonen gelöset und gesungen:

„Nun danket alle Gott“.

Nach diesem wurden die Geistlichen und einige Honoratioren besonders verpflichtet und zuletzt auf dem Rathause gespeiset wo unter dem Gesundheit-Trinken häufig kanoniert wurde. Die Feier dieses Tages wurde mit einem Balle beschlossen“.

In ähnlicher Weise feierte man am 15. November 1808 den Geburtstag Jeromes. Auch die Niederlage der Österreicher im Jahre 1809 musste „auf Spezialbefehl der Präfektur in Halle“ an einem Sonntag im November durch einen Dank-Gottesdienst gefeiert werden.

Sturmzeichen.

Während bei ungefährlichen Böllerschüssen, bunten Uniformen, großsprecherischen Paraden und häufigen „Gesundheit-Trinken“ der kleine Bürger-Untertan sich schnell mit der neuen Ordnung abfand, begannen die patriotischen Feuerköpfe drinnen im Land und draußen ungeduldige Pläne zu schmieden, um das Joch des Eroberers abzuschütten. In Spanien, Oesterreich, in Tirol brachen Aufstände aus, deutsche Freiheitshelden führten auf eigene Faust Krieg mit den Franzosen. Bald zeigten sich auch in unserer Gegend die Folgen: In die ruhenden Heeresmassen kam Bewegung: Die Hettstedter Einquartierung marschierte am

6. März 1809 nach Halle. Davoust zog seine Truppen zusammen, einige Wochen später stand er den Österreichern an der Donau gegenüber. Andere Abteilungen der Franzosen folgten ihm, neue Besatzungstruppen kamen in das Land. „Nachher haben noch viele Franzosen in hiesiger Gegend und auch hier (in der Stadt) gelegen, welche den Einwohnern drückende Lasten machten“, schreibt der Chronist.

In Böhmen stellte der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig seine „Schwarze Schar“ zusammen, um den Österreichern zu helfen. Nach dem unglücklichen Ausgange des Krieges schlugen sich die Braunschweiger mitten durch das von Franzosen besetzte Gebiet des Königreiches Westfalen bis zur Nordsee, wo sie von englischen Schiffen aufgenommen und zum Freiheitskampf nach Spanien gebracht wurden. Auf ihrem Wege kamen die „Schwarzen“ von Leipzig, Halle her auch über Hettstedt –

Siehe dazu unsere Ausführungen:

> Schill’sche im Mansfeldischen<

> Die Braunschweiger Schwarzen vor Hettstedt<

Den 31. Julius zogen einige 1000 Holländische Truppen hierdurch nach Braunschweig und verfolgten das Corps des Herzogs von Braunschweig-Oels in Eilmärschen. Den Tag darauf in der Nacht folgten diesem 400 Mann Sachsen, Infanterie, nach.

So erzählt es Rektor Schmalfeld in Nr. 117 des Eisleber Tageblattes vom Jahre 1884. Er berichtet auch, dass der Herzog damals im letzten Hause „Unterm Holze“ gewohnt habe, während die Truppen auf der Trotzwiese lagerten.

Das Alte stürzt

Es wäre ungerecht, neben den Bedrückungen die Verdienste der westfälischen Regierung verschweigen zu wollen.

„Im Jahre 1809″, so berichtet Pastor Vogel, „wurde hier ein Postamt eingerichtet, auch wurden auf Befehl von Cassel die Fleischerscharren (die Verkaufsstände an der Kirche) abgebrochen, weil alle Innungen in Westfalen abgeschafft wurden. Ferner wurde auch die Schandsäule auf dem Markt vertilgt, an der das Halseisen war.“ Im Jahre 1808 ließ die Stadtverwaltung die Brücke auf der Breite und die sogenannte Katerbrücke neu bauen“.

So unbedeutend diese kurzen Angaben teilweise scheinen, so sind sie doch als kleine äußerliche Auswirkungen großer Neuordnungen zu werten. Napoleon befreite Handwerk und Gewerbe, Handel und Verkehr von manchen uralten Fesseln. Er reorganisierte das Recht und Gerichtswesen, schaffte die Vorrechte des Adels ab und ließ Städten und Gemeinden mancherlei Maßnahmen für Gesundheitbund Sicherheit der Bewohner durchführen. Diesen vernünftigen Neuordnungen einer straffen einheitlichen Regierung standen die unglückliche deutsche Kleinstaaterei und die noch bestehende Unmündigkeit der Untertanen in vielen deutschen Ländern gegenüber. Da ist es kein Wunder, das die Tatsache der Fremdherrschaft von vielen Deutschen anfangs kaum als unwürdig empfunden wurde. Die innerpolitischen Vorteile, die das neue Regiment bot, lähmten das Erwachen des nationalen Bewusstseins. Es gehörte eine große geistige Freiheit und Selbstständigkeit dazu, sich dem herrschenden Geist entgegen zu stemmen. Nur Naturen wie der Freiherr vom Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Gneisennau, Boyen, Wilhelm von Humboldt, vermochten das. Stein und die Männer um ihn erkannten diese Zusammenhänge. Sie scheuten sich nicht, vom verhassten Eroberer zu lernen. Es ist ihre große Tat, durch die Befreiung und Mündigmachen des deutschen Volkes den nationalen Willen von damals hemmenden Fesseln befreit zu haben.

*) Die Mundartlich angepasste Bezeichnung „Kordegarre“ für dieses „Wachhaus an einer Brücke“, wurde vermutlich während der Franzosenzeit weit verbreitet und fälschlicherweise dieser zugeordnet. Jedoch ein Regiment der „Gardes du Corps“ gab es schon 1713 als Leib- und Schutzwache des Kurfürsten und späteren 1. Königs von Preußen.

Obwohl nach dessen Tode aufgelöst, errichtet Friedrich der Große im Jahre 1740, sofort nach seiner Thronbesteigung, wieder aus ausgesuchten Mannschaften „Gardes du Corps“

> Wachmannschaften bzw. Leibwachen <

Für Burgörner, den Hof und die umliegenden Hütten stand uns aus dieser Zeit lediglich eine handschriftliche Aktennotiz zur Verfügung aus der hervorgeht ……….. (In Bearbeitung)