Anekdote aus Burgörner

Kuss-Hut-Sanner

Eine Anekdote aus Burgörner

Hier in Burgörner wohnte ein Altwarenhändler Friedrich Sander, eben
„ein Lumpenmann“

Wenn nun von ihm die Rede war, dann sprach man von – „Kuss Hut Sanner“ – warum ?

Nun war das zu seiner Zeit vor 80 – 90 Jahren nicht so, dass mit der Kleidung so umgegangen wurde wie heute. Erst nach mehrmaligen wenden und vererben an die Familienmitglieder, wenn es wirklich nicht mehr zu gebrauchen war, dann – erhielt es der Lumpenmann. Das traf auch für Haushaltgeräte zu welche schon mehreren Generationen gedient hatten und nun total verbeult und hin waren. All das brachte beim Lumpenmann immer noch ein paar Pfennige ein. Zu seinem Warenlager gehörten auch gut erhaltene Kleidungsstücke aus Haushaltsauflösungen. Diese wurden nun wiederum noch zu den damalig sehr beliebten Kostüm und Maskenbällen, oder auch zu Hochzeiten und ähnlichen Anlässen als Festbekleidung verliehen.

Kurzum er war also viel mit seinem Fahrrad unterwegs um die Ware einzusammeln womit er seinen kargen Lebensunterhalt verdiente.

Auf einer dieser Touren kam er in Hettstedt an dem noblen „Reichskaffee“ vorbei.

Er stellte sein Fahrrad außen an die Wand, damals konnte man das noch und schickte sich nun an diesen vornehmen Gastronomie-Tempel zu betreten. Kaum hatte ihn der Ober entdeckt, eilte er auf unseren „Kuss-Hut-Sanner“ zu und bedeutete ihm:

„ Mein Herr, in diesem Aufzug, in dieser Hose können Sie hier nicht Platz nehmen, das geht einfach nicht, wir sind – usw. usw “.

Nun gut, Fritze Sander schwang sich wieder auf sein Fahrrad und fuhr nach Hause. Hier suchte er sich aus seinem Fundus ein vornehmes Habit aus, Vorhemdchen mit Fliege und steifen Kragen, Frack und Zylinder –„ trecktes ahn“ und „kehrt Marsch“ – wieder hin in das „Reichskaffee“.

Dienstbeflissen eilte nun der Herr-Ober auf diesen vornehmen Herrn zu, um ihn Wunschgerecht zu bedienen. Fritze Sander, ließ es sich schmecken und machte eine ansehnliche Zeche. Als dann nun die Rechnung präsentiert wurde, griff Fritze an seine Hose und verkündete „ Ach, das Portmonee habe ich ja noch in der Hose, womit Sie mich vorhin nicht reingelassen haben. Ja – was nun?

Nach vielem hin und her wurde dann entschieden. Der Ober hatte ausdrücklich eine andere Hose verlangt, von einem Portmonee oder der Zahlungsfähigkeit des Gastes war nicht die Rede gewesen und somit blieb er auf der Rechnung sitzen. Ob es so gewesen ist? – Aber es wird jedenfalls so erzählt. – Was sagt uns das:

„Nicht jeder mit einer dreckigen Hose ist ein Schuft, aber auch nicht jeder aufgeputzte Pinkel ein ehrlicher Kerl“.

Nach einer mündlichen Überlieferung E.G. /Chronist, 2002