Aktuelles & Gedenktage

Luftangriffe vor 73 Jahren

Treu unserem Leitsatz

„ Der Geschichte auf der Spur“

Wir möchten in Anbetracht der gegenwärtigen Tatsache, dass wieder viele Menschen durch Krieg und Bombenhagel ihr Leben verlieren, schlicht und einfach an das Leid erinnern, welches unsere Heimatstadt vor 73 Jahren durchstehen musste. Nicht im Stile abhängiger absatzorientierter Zeitungen, sondern aus eigenen Aufzeichnungen und denen eines selbst Betroffenen 

„Herrn Dr.-Ing. Dr. h. c. Karl Kaiser, Leiter der Forschungs-Abteilung MKM“.

Er schreibt wie folgt in seinem unveröffentlichten Buch:

Erinnerungen eines Walzwerkers

  … Mitte des Krieges setzten die großangelegten angloamerikanischen Luftangriffe auf Industrieanlagen und Großstädte ein.

Zum Schutz der Bevölkerung waren in Privathäusern, in öffentlichen Gebäuden, als auch in besonderen Bauten, Luftschutzräume (LSR) geschaffen worden. In Hettstedt befand sich ein sicherer Luftschutzraum östlich des Augustaplatzes (heute Luisenplatz). Ein in den Steilhang eingearbeiteter großer Lagerraum. Auf dem Messingwerk wurde hierfür der in etwa 50 m tiefe verlaufende Jakobstollen benutzt. Er war durch einen Stollen hinter der Leichtmetallgießerei zugänglich gemacht und gut 2 m hoch und breit. Er konnte die Anzahl einer Schicht der Belegschaft aufnehmen. Anfänglich wurden die Luftangriffe nachts durchgeführt. In unseren Raum hatte es zunächst keine Angriffe gegeben. Die Bombengeschwader zogen immer in großer Höhe über das Mansfelder Land in Richtung Berlin oder Leuna und Buna. Natürlich wurde öffentlich Fliegeralarm gegeben. Da lange Zeit noch nichts passiert war, gingen die meisten Leute nicht mehr  in die Luftschutzkeller. Im Messingwerk MKM wurde nur nach Anweisung  der zentralen Luftschutzleitung Fliegeralarm gegeben. Die Produktion sollte möglichst ungestört weitergehen. Indessen wurden, infolge der Überlegenheit der angloamerikanischen Luftwaffe, die Angriffe auch am Tage geflogen. Hinzu kam, das auch kleinere Gruppen von Bombern am Tage flogen und kleinere Ziele angriffen, zum Teil sogar mit Bordwaffen (MG). Dann gab es in den Ortschaften und auch in den Werken Fliegeralarm. 

Das Messingwerk war vermutlich nur einmal, etwa im März 1945, das Ziel eines Angriffes. Die 20 bis 30 Bomben fielen aber weit weg vom Werk, in etwa  auf den Windmühlenberg südlich von Burgörner-Altdorf. Sie verursachten keine Schäden. Zur Mittagszeit des 11. April 1945 kurvten 3 bis 4 Flugzeuge über unsere Gegend.

Im Werk wurde von Luftschutzleiter K. Alarm gegeben. Die gesamte Belegschaft, bis auf wenige Notwachen, begab sich in den Luftschutzstollen, darunter auch ich. Ich befand mich in der Nähe des Luftschutz-Leitstandes. Da rief mir K. zu, dass ein Anruf aus Hettstedt gekommen wäre, dass dort am Markt eine Anzahl Bomben gefallen seien, wodurch mehrere Häuser zerstört worden wären. 

Nähere Angaben fehlten, kurz darauf gab es Entwarnung. Ich fuhr mit dem Fahrrad voller bösen Ahnungen in die Stadt. Auf den Markt angekommen, blieb mir voller Entsetzen das Herz fast stehen. Mein Elternhaus war nur noch ein großer Trümmerhaufen. Es hatte einen Volltreffer bekommen.

Es stelle sich bald heraus, dass meine  83-jährige Mutter, meine Schwester Lotte und meine Nichte Hella Zobel, die eben mal der Großmutter „Guten Tag“ gesagt hatte, sowie eine evakuierte Berlinerin mit ihren Töchterchen, tot unter den Trümmern lagen. Meine Frau wollte gerade, wie so oft, zur Drogerie gehen. Als Fliegeralarm gegeben wurde, unterließ sie es zum Glück. Wir wohnten damals in der späteren Fritz-Probst-Straße.

Mit einigen Helfern, die sich eingefunden hatten, ging ich nun daran die Toten zu bergen, was uns bis zum Abend gelang. Es blieb mir nicht erspart, das Grab für Mutter mit einem guten Freund selbst zu graben. da keine Totengräber gestellt werden konnten.

Insgesamt sind am 11. April 1945 in Hettstedt etwa 60 Personen durch den Bombenangriff umgekommen.

Bereits zwei Tage später, am 13. April, rückten die Amerikaner in Hettstedt ein. Neben den Amtsstellen besetzten sie die Industrieanlagen, darunter auch das Messingwerk. So durften nur wenige Leute für den Notdienst das Werk betreten. Der Produktionsbetrieb ruhte völlig.

Die Direktion tagte im Ratskeller. Am 30. Juni zogen sich die Amerikaner zurück, da die ehemalige Provinz Sachsen, später Bezirk Halle, gemäß der Konferenz von Jalta von den Sowjetstreitkräften zu besetzen war, die dann am 1. Juli in Hettstedt einrückten…“

Bombenschäden in Burgörner:

In Burgörner – Altdorf wurde in der Großen Bergstraße das Haus der Witwe Berger durch eine Bombe zerstört. Eine unzureichende Verdunkelung bot wahrscheinlich ein leichtes Ziel für den Bomberpiloten. Frau Berger ist dabei ums Leben gekommen.

Ebenso erging es der Familie Wiegleb in der Oberen Humboldtstraße. Während eines Schlachtefestes konnte nicht immer eine völlige Verdunklung eingehalten werden. So war es einem Bomberpiloten ebenfalls  leicht möglich, sein Ziel zu finden. Obwohl  auch an den Häusern der Nachbarschaft beträchtliche Schäden entstanden, waren keine Menschenopfer zu beklagen.

Eine größere Anzahl von Bomben fiel auf ein Ackerstück, die geographische Lage wäre in etwa: O 11* 30′ 27,454 / N 51* 36′ 35,140.  

Das Messingwerk MKM blieb seltsamerweise von Bombenangriffen verschont.

Zur Begründung: Es gibt dazu viele, allerdings unbestätigte Gerüchte bzw. Vermutungen:

1. Finanzielle Verbundenheit der Mansfeld AG mit amerikanischen Konzernen.   

2. Die Strahlung der Halde des Eduardschachtes hätte die damals noch nicht ausgereiften Radar- oder sonstigen Messanlagen der Bomber erheblich gestört .

3. Der Fliegerverband wäre von einem Angriff auf oder um Halle (Leuna, Buna) abgedrängt worden und habe nun die Bombenfracht einfach bei uns  abgeworfen.

Am wahrscheinlichsten klingt die erste Begründung. Fakt ist, dadurch wurden viele Menschenopfer vermieden und es blieben viele wichtige Arbeitsplätze erhalten.

Tiefflieger:

Härter traf es Reisende der Halle-Hettstedter-Eisenbahn, als der Zug auf freiem Feld zwischen Hettstedt und Welfesholz von Tieffliegern beschossen wurde. Mehrere Menschen, davon auch Einwohner von Burgörner z.B. Frisörmeister Edinger aus der Mansfelder Straße, verloren dabei ihr Leben.

Der Beitrag soll daran erinnern, welche schrecklichen Folgen Kriege haben. Daran sollten sich die heute regierenden Politiker erinnern und alles Mögliche tun, damit erneutes Kriegsleid vermieden wird. 

Im Vordergrund steht das Wohl und die Sicherheit seiner Bürger und nicht die Rendite ihrer Rüstungsindustrie.

Bearb. E.Graf/Chronist März/April 2018