Burgörner-Geschichte, Überlieferungen aus Burgörner
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Überlieferungen aus Burgörner

Merkwürdige Bezeichnungen wie Sockendorf und Regenbeeck, Hollerberg und Mordkaulen.

Burgörner erweiterte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Ansiedelungen bedingt durch den Arbeitskräftebedarf der wachsenden umliegenden Industriebetriebe um den Ortsteil Neudorf. Die Gemeinde Burgörner mit den Ortsteilen Burgörner-Altdorf und Burgörner-Neudorf wurde 1950 nach Hettstedt eingemeindet. Der Ur–Ort Burgörner trug den Spitznamen „Sockendorf“ und die Einwohner nannte man daher aus Spaß die Sockendörfer. Nicht ganz Unrecht hatte der Conferencier „Manfred Uhlig“ als er in der Fernsehaufzeichnung „Alte Liebe rostet nicht“ erklärte, die Sockendörfer heißen so weil sie sich nach Hettstedt auf die Socken machen müssen wenn sie einkaufen wollen. Früher soll es auch bei Volksfesten und dergleichen zu Auseinandersetzungen gekommen sein wenn Auswärtige die Bezeichnung als Schimpfwort benutzten, weil sie über dessen Herkunft nicht informiert waren. Was bedeutet den nun:

Sockendorf?

In Burgörner wurde auf Grund des dort anstehenden Kalksteines Gips gebrannt und als Baumaterial nach dem Harz verkauft, laut eines Schriftstückes von 1781. (nachzulesen im Staatsarchiv Magdeburg) Anfang des 19. Jahrhunderts betrieb ein Herr „Castedello“ diese Kalkhütte, ein zugezogener oder durch die Kriegswirren hier hängen gebliebener Italiener. Dieser Herr Castedello hatte in der Nähe der Kalkhütte eine Freundin die er hin und wieder besuchte. Nun war das Brennen des Kalksteines eine aufwendige Angelegenheit rund um die Uhr und bedurfte einer ständigen Überwachung, so dass der Besuch der Freundin nur in den möglichen Pausen erfolgen konnte. Damit nun zu später Stunde die Nachbarn nicht durch das geklappere der Holzlatschen gestört wurden, zog er sie aus und lief (oder schlich) auf seinen reichlich mit Kalkstaub besetzten „Socken“ zu seinem Ziel. Die Spuren waren der Ursprung zu der Neckerei. In Burgörner laufen sie in Socken herum also – „Sockendörfer“.

Auch heute gilt noch bei den alteingesessenen Einwohnern von Burgörner diese Bezeichnung als Beleidigung wenn der Benutzer den Ursprung nicht kennt und wer lässt sich schon pauschal als Fremdgänger oder als „Gipskater“, so nannte man den Herrn Castedello hinter vorgehaltener Hand, beschimpfen.

Ränebeek (Regenbeeck)

Ist die Bezeichnung für ein Bächlein welches sich von Klostermansfeld im sogenannten Mönchsgrund bis in die Wipper nach Burgörner erstreckt und darüber hinaus über ein weites Einzugsgebiet verfügt, welches bei Tauwetter, starken Regenfällen (z.b. Gewittern) bedrohlich anschwellen kann. Der Chronist „Spangenberg“ schreibt im Capitel „Der IX. Titel – Von Dorfschaften zum Hintern Ort Mansfeld gehörig“ zu Reinebeck.

Reinbeck, sonst der Rembeck, ein schöner fließender Quell von welchem das umliegende Feld
„Im Rembach oder Reinbach“ genannt wird. Es entspringt über dem Reinholz, da man nach Todtendorf gehet, fleuset bei Burg Oerner in die Wipper, hat etwa so stark geflossen, dass in denselben Grund zwo Hütten gestanden haben. Als man die Schächte bei Closter Mansfeld eingebracht ist diesem Bach etwas entzogen, dass nur mehr von der Quelle eine kleine Ader fleußet.

Nun wird das Wort „rein“ oder wie hier „Reinbeck“ im mansfeldischen Sprachgebrauch kurzerhand zu „ren, raen, raene“ und Beck etwas ausgedehnt zu Beek somit heisst der ehemals „Reine Beck“ ein Bach mit reinen Wasser „Raenebeek“. Vermutlich durch die Behördensprache und des mansfeldischen Sprachgebrauchs unkundigen Bearbeitern entstand dann daraus die Bezeichnung aber gemäß Ursprung falsch „Regenbeek“. Auf neueren Messtischblätern etwa ab 1975 wurde von Orts unkundigen Bearbeitern dieser Bachlauf als „Alte Wipper“ bezeichnet deren Bett etwa 500 m weiter westlich verlief, inzwischen aber zugeschüttet ist. Leider wurde diese falsche Bezeichnung auch nach der Wiedervereinigung beibehalten.

Hollerberg

Der Kirchberg in Burgörner wurde allgemein von den Einwohnern „Hollerberg“ genannt.

So auch im Sprachgebrauch meiner Großeltern. „Holler“ wuchs vor unserer Haustür und war herrlich blaulila, blühender Flieder (Syringia-Marlyflieder). Auf einem Stadtplan von Hettstedt wurde der Hollerberg, in völliger Unkenntnis, einmal Hollunderberg (syrina vulgaris) genannt. Hollunder ist aber nun etwas völlig anderes. Dr. Richard Jecht schreibt in seinem „Wörterbuch der Mansfelder Mundart“: Holler, sambucus nigra. – Aus ihm fertigen die Knaben Knallbüchsen, aus seinem Doldentrauben gewinnt man Tee. Damit ist aber Hollunder – „syrina vulgaris“ gemeint und dieser Strauch heißt im Mansfelder-Sprachgebrauch „Ziwwecke“. Somit müsste der Kirchberg > Ziwweckenberg-Berg < heißen. Er heißt aber „Hollerberg“ damit ist die Art „syringia-marlyflieder“ gemeint, weil der alte Mansfelder das Wort Flieder nicht kennt.

In einem Brief an Alexander von Rennenkampff, am 28. September 1820, schreibt Caroline von Humboldt über Burgörner: „Meine Anpflanzungen fand ich gewachsen und einen Berg, der nur wenige Schritte vom Gut liegt und den ich immer kahl gekannt habe, grün und im Zug anzuwachsen.

Somit ist durchaus anzunehmen, dass die Humboldts in Burgörner, den erst seit dem 16. Jahrhundert eingeführten, Zierstrauch „Syringia“ welcher durch fortgesetzte Kultur zu den reich- und dunkelblütigen Marlyflieder verbreitet wurde, anpflanzten und die Einwohner genau umgekehrt zu den Ausführungen von Dr. R. Jecht, diesen Strauch als Holler bezeichneten. Noch heute blüht am Hollerberg im Frühjahr der Flieder das könnte auch bei einiger Pflege noch lange so bleiben.

*) Illustriertes Konversations – Lexikon

Vergleichendes Nachschlagebuch für den täglichen Gebrauch

Hausschatz für das deutsche Volk und ”Orbis pictus” für die studierende Jugend

Leipzig und Berlin / Verlagsbuchhandlung von Otto Spamer 1875

Die Mordkaulen

Im Humboldthain von Burgörner befinden sich an einem Wege rechts und links jeweils eine trichterförmige Vertiefung etwa 3-5 m tief und einem Durchmesser von ca. 30 – 40 m, die Mordkaulen. Als Kinder hatten wir immer ordentlichen Respekt vor diesen Orten, welche unsere Fantasien beflügelten. Was hat es nun mit den „Mordkaulen“ auf sich?

Ziehen wir hierzu auch wieder das vorgenannte Wörterbuch der „Mansfelder Mundart“ zu Rate, wo es unter „Kaule“ heißt: Vertiefung, Einsenkung – lokale Ortsbezeichnung, den Ausdruck „mords oder märderlich für besonders groß und viel, der auch noch heute verwandt wird, hat sich leider nicht finden lassen aber unter der Redewendung ein „mords Loch“ oder ein „märderliches Loch“ kann sich jeder Mansfelder vorstellen, dass es sich um ein außergewöhnlich großes Loch handelt. Somit sind diese „Mordkaulen“ nichts weiter als „Mords-Kaulen“ große, in diesem Falle auch tiefe Löcher, nämlich ehemalige Steinbrüche in der Nähe der Gipshütte, aus denen das Rohmaterial Kalkstein für die Gipsherstellung gebrochen wurde. (siehe oben).

E.Graf 2007

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